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Gänsehaut garantiert

Unterwegs beim „Trackwalk“ auf der Nürburgring-Nordschleife  

Nordschleifen-Experten unter sich: Klaus Niedzwiedz und Romain Dumas

Nürburgring-Nordschleife: der Respekt fährt immer mit. Romain Dumas kennt sie bestens, die Nordschleife, die vielleicht anspruchsvollste Rennstrecke der Welt. Bisher allerdings nur aus der Cockpit-Perspektive. Bereits vier Mal gewann er hier das berühmt-berüchtigte 24-Stunden-Rennen. „Die Nordschleife ist meine Lieblingsrennstrecke“, sagt der Mann, der im ID.R genau hier Anfang Juni 2019 einen neuen Rundenrekord für Elektro-Fahrzeuge aufgestellt hat. „Obwohl ich auf der Strecke schon Tausende von Kilometern gefahren bin, kriege ich jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich nach einer Pause wieder aus der Boxengasse herausfahre. Sie ist eine der wenigen Rennstrecken, die mir noch immer Respekt einflößen.“

Auch dem Rennprofi noch immer alles abverlangt. Nicht nur im Cockpit. Beispiel gefällig? Der Streckenabschnitt, der den harmlos klingenden Namen „Ex-Mühle“ trägt, überrascht Dumas bei einem exklusiven Spaziergang. „Ich fahre seit 2007 Rennen in der Eifel, aber zu Fuß war ich noch nie unterwegs“, gibt der Franzose zu und kommt ein wenig aus der Puste, als er die 17-prozentige Steigung bei Kilometer neun hinaufläuft. Es ist ein Gang der ganz besonderen Art. Gemeinhin wird als „Trackwalk“ bezeichnet, wenn Rennfahrer eine Piste zu Fuß besichtigen. Was beim historischen Teil des Nürburgrings eher selten passiert – die Nordschleife ist 20,832 Kilometer lang. An diesem Abend ist die Strecke offiziell bereits geschlossen. Dumas fährt gemeinsam mit DIE AUTOSEITEN sehr langsam über den Kurs und darf ausnahmsweise immer wieder Stopps einlegen, um einige Schlüsselstellen ganz genau unter die Lupe zu nehmen. „Ex-Mühle“ ist eine davon. „Im ID.R merkt man fast gar nicht, wie steil die Piste hier verläuft“, staunt der 41-Jährige.

Die zwei Elektromotoren seines Dienstwagens liefern eine Gesamtleistung von 500 kW (680 PS) und ein Drehmoment von 650 Newtonmetern – 17 Prozent Steigung sind damit ein Kinderspiel. „Der ID. R hat so viel Kraft, dass ich vor der Ex-Mühle-Rechtskurve sogar bergauf kurz bremsen muss. Durch den Allradantrieb kann ich aber danach schon sehr früh wieder voll beschleunigen“, erläutert Dumas. Im futuristischen ID.R, dem sportlichen Vorboten der rein elektrisch angetriebenen ID. Familie, über eine der traditionsreichsten Rennstrecken der Welt – das hat für Dumas etwas von einer Reise in einer Zeitmaschine. Geschichtsträchtigen Streckennamen wie „Flugplatz“, „Fuchsröhre“ oder „Kesselchen“ verpasst er einen sympathischen französischen Klang. Eine Bergab-Kurvenkombination heißt offiziell „Kallenhard“. Dumas nennt sie einfach nur „Piff-Paff“, „weil man hier nur ganz schnell links-rechts lenkt“.

Nächster Stopp: „Caracciola-Karussell“. Die berühmte 200-Grad-Betonplatten-Steilkurve. „So eine Kurve gibt’s nur auf der Nordschleife“, freut sich Dumas. „Hier fährt man praktisch mit jedem Rennauto gleich schnell, egal ob 200 oder 700 PS. Die Piste ist so holprig, dass es dich richtig durchschüttelt. Um den Frontspoiler nicht zu gefährden, bleibe ich mit dem ID.R außen, auf der ebenen Fahrbahn.“ Nordschleifen-Experte Dumas weiß aber: „Weil dort normalerweise niemand fährt, liegt viel Laub und Dreck auf der Piste. Sie ist deswegen sehr glatt.“

Das Wissen um solche Eigenarten entscheidet auf der Rennstrecke, die der ehemalige Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart 1968 „Grüne Hölle“ taufte, über Sieg oder Niederlage. Manchmal hilft allerdings sämtliche Erfahrung nicht. Schon kleinste Probleme können auf der Nordschleife dramatischere Folgen haben als auf anderen Rennstrecken. Das musste auch Dumas bereits erfahren. „Die Nordschleife hat nicht die riesigen Auslaufzonen wie die heutigen Formel-1-Kurse“, erläutert er. „Die Leitplanken stehen fast überall sehr dicht neben der Piste, da ist kein Platz für Fehler.“ Auch wenn sie nicht die eigenen sind. So wie während des 24-Stunden-Rennens 2018. Dumas drehte sich im Bereich des Bellof-S – benannt nach dem deutschen Rennfahrer Stefan Bellof – auf einer Öllache. Ein anderes Auto hatte sie nach einem Motorschaden hinterlassen. Nach dem Einschlag in die Streckenbegrenzung war Dumas’ Rennen vorbei. „Passiert ist mir nichts. Aber wir lagen zu diesem Zeitpunkt in Führung“, blickt er traurig zurück.

Ein wichtiger Teil der von Dumas beschriebenen Gänsehaut-Atmosphäre auf der Nordschleife sind die Fans. „Früher sind wir in der Einführungsrunde zum Beispiel im Bereich „Hatzenbach“ durch ein Spalier von Menschen gefahren“, erinnert sich der Volkswagen Fahrer mit glänzenden Augen. „Genauso war es dann in der letzten Rennrunde. An einigen Stellen war nur noch Schritttempo möglich. Das war nicht ganz ungefährlich.“

Heute stehen entlang der Strecke überall hohe Zäune, die den Zuschauern den Zugang zur Strecke verwehren. Mittendrin sind sie trotzdem, denn die Nordschleife bietet Motorsport zum Anfassen. Allerdings als Dumas im ID.R auf die Jagd nach dem Rundenrekord für Elektro-Fahrzeuge ging, war eine Situation nicht denkbar, die er während des Qualifying zum 24-Stunden-Rennen 2009 erlebte. „Ich hatte einen Reifenschaden, habe im Streckenabschnitt ‚Breitscheid‘ angehalten und meine Boxenmannschaft verständigt.“ Die Mechaniker machten sich mit einem Ersatzrad auf den Weg und erreichten Dumas tatsächlich – über die an dieser Stelle direkt neben der Rennstrecke verlaufende Straße. Nur helfen durften sie ihrem Fahrer nicht. „War aber nicht weiter schlimm“, lacht Dumas. „Den Reifenwechsel habe ich zusammen mit den Fans übernommen.“ Eben typisch Nordschleife.