Wir sprachen mit Dr. Silke Bagschik,  Leiterin Vertrieb und Marketing Baureihe e-Mobility bei Volkswagen

DIE AUTOSEITEN: Die ID. Familie ID.3 und ID.4 hat mit dem ID.5 Nachwuchs bekommen. Wir sind bereits den ID.5 GTX als Prototypen vor der Premiere gefahren. Ist er jetzt die Speerspitze?

Dr. Silke Bagschik: Das ist erst einmal das obere Ende der ID Familie. Aber wir werden noch ein Modell darüber nachlegen und beim ID.3 kommt noch eins darunter. Dann haben wir ein sehr breites Spektrum abgedeckt, so dass jeder Kunde eine gute Auswahl hat, um mit Volkswagen rein elektrisch zu fahren.

?: Bei unserem Gespräch anlässlich der Vorstellung des ID.3 sagten Sie, er sei Ihr ‚Baby‘. Wie ist er im Markt und speziell im deutschen Markt angekommen?

Dr. Bagschik: Sehr gut. Und zwar so gut, dass wir aktuell alle Autos, die wir bauen können, ausschließlich für unsere Kunden vorbehalten. Jeder, der mal ein Elektroauto hatte, möchte nicht mehr zurückgehen und die ganze Familie möchte weiter elektrisch fahren. Er kommt extrem gut an, in Deutschland wie im europäischen Ausland – ebenso der ID.4.

?: Aus einem GTI ist ein GTX geworden. Ist das mehr als ein Marketing-Instrument, wie ist dies einzuschätzen?

Dr. Bagschik: Wir möchten es immer so haben, dass jeder es versteht, ohne dass man viel erklären muss. Deshalb haben wir lange überlegt, wie wir das Auto nennen. Was wir gesucht haben ist das sportliche obere Ende eines jeden ID’s, deutlich eleganter als ein GTI. Es sollte ein Auto sein, mit dem man gerne in Skiurlaub oder zur Yacht fährt, so war das Gedankengut. Das sieht man ihm auch an. Er ist schon ein bisschen anders. Trotzdem ist das Thema GT bei Volkswagen so was von gelernt. Er ist das oberste Ende, hat den größten Antrieb, das schickste Design, er ist ein GTX und das hat jeder verstanden. Deswegen heißt er GTX. Er ist vom Charakter aber eine andere Nummer als ein GTI. Es wird für jedes ID. Modell  einen GTX geben. Aber wenn man den zu jung gemacht hätte, dann passt das nicht mehr zu einem Premium-Auto, zum B-Segment Coupé wie den ID.5 oder eben einer B-Segment Limousine – GTX wird für alle gut passen.

Dr. Silke Bagschik,  Leiterin Vertrieb und Marketing Baureihe e-Mobility bei Volkswagen im Gespräch mit DIE AUTOSEITEN

?: Einen ID. R gab es zum Thema Motorsport. Wird das Kürzel weitergespielt innerhalb der ID. Familie als Pendant zum Golf R?

Dr. Bagschik: Ich persönlich sehe nicht, dass wir in jedem ID. auch ein R-Modell bräuchten. Wir denken aber auch darüber nach, was nach dem GTI oder dem GTX kommen könnte. Das muss nicht sofort sein, auch nicht in naher Zukunft kommen.

?: Als Vertriebschefin der ID. Familie sind Sie mit den Händlern im Gespräch. Wie schaut das Feedback aus? Inwiefern unterscheidet sich der Kunde eines ID. von einem Kunden, der einen Golf kaufen möchte?

Dr. Bagschik: Die Kunden kommen in der Regel sehr gut informiert an. Gerade Elektrokunden wissen, was sie wollen. Unser Handel ist sehr gut geschult, die kennen ihre Kunden und wissen, was sie für Fahrprofile haben. Es mag erstaunen, aber es gibt sehr viele Ähnlichkeiten zwischen Golf-Kunden und ID-Kunden. Wir haben aber auch ganz viele Neukunden, die neu zur Marke stoßen. Allen gemein ist, dass sie viel Zuneigung zu Volkswagen empfinden und es gut finden, was wir tun. Es schwingt immer mit, dass sie etwas fürs Klima tun möchten, froh sind, dass Volkswagen diesen Weg geht und das unterstützen möchten. Wir erleben die Kunden auch im First Movers Club. Mich wundert es, dass wir beim ID.3 doch noch weniger Frauen als Kunden haben. Es ist mir ein persönliches Anliegen, zu verstehen, warum das so ist und was man da machen kann.

?: Kann der ID.5 eine neue Kundenklientel für Volkswagen aktivieren? 

 Dr. Bagschik: Ja, wir haben gerade in dem Segment nicht viel zu bieten. Es gibt fast in allen europäischen Staaten eine starke Dienstwagenförderung. Der ID.5 ist ein idealer Dienstwagen, aber auch familientauglich. Mit dem ID.5 werden wir erleben, dass wir weg von den typischen SUVs kommen hin zu mehr reichweitenoptimierten Body-Styles – trotzdem wird man hoch sitzen. 

?: Wie haben Sie Ihren Vertrieb und die Händler in Deutschland aufstellen können? Sie werden sich in Zukunft umstellen müssen….. 

Dr. Bagschik: Ja, die sind schon gewaltig dabei. Wir hatten keine großen Fahrveranstaltungen, die während Corona leider nicht möglich waren. Wir trainieren jedes Fahrzeug und werden auch den ID.5 trainieren. Wir hatten ein  Vor-Ort-Training mit dem ID.3 und ID.4. Dies werden wir mit dem ID.5 auch wieder machen. Außerdem haben wir digitale Trainings. Wir haben neue Methoden ausprobiert, was sehr schnell gewachsen ist, auch Corona bedingt. 

?: Stehen die Händler dahinter oder müssen sie überredet werden?

Dr. Bagschik: Es gibt immer solche und solche. Ich habe persönlich Kontakt zu einigen Händlern beispielsweise zu einem in Braunschweig. Und der sagt, dass gerade auch während der Corona-Zeit das Interesse an E-Autos ungebrochen ist und das seien die Autos, die am besten gelaufen sind. Seine ganze Mannschaft ist überrascht, dass mindestens 20 Prozent aller Verkäufe Elektroautos sind und das ist mehr, als wir alle gedacht haben. Das bringt beim Handel den Prozess des Nachdenkens in Gang. Es geht schneller als wir alle denken. 

 ?: Welcher Markt macht Ihnen am meisten Spaß?

Dr. Bagschik: In Deutschland macht es am meisten Spaß, weil es der historisch am schwierigsten zu knackende Markt ist. Die deutsche Autobahn. Der deutsche Mann, der gern schnell fährt. Sicherlich auch dank der staatlichen Förderung, der Infrastruktur und des Wallbox-Programms entwickelt sich das momentan rasch. Es war der konservativste von allen Märkten. Immer wieder toll zu erleben ist, dass in den Nordländern, auch in Norwegen, Elektroautos eine Normalität sind. In Schweden ist das Fahrzeug in diesem Jahr in jedem Monat auf Platz eins. Mit den Nordländern ist es total interessant. Kleinere europäische Länder sind auch spannend, weil sie sehr innovativ sind und tolle Ideen haben. Eine Herausforderung ist es, dass es in jedem Land eine unterschiedliche Förderungssituation gibt. Bei manchen ist zum Jahresende das Geld zu Ende und wir müssen uns wieder etwas einfallen lassen: Was machen wir mit dem Markt? Wir können ihn nicht einfach abreißen. Was die Förderungssituation betrifft so haben wir viel von den Nordländern gelernt und Deutschland setzt es auch zum großen Teil um. Allerdings sieht man dann ein paar Länder, die das noch gar nicht tun. Manchmal ist man ein bisschen ungeduldig.

 ?: Es geht Ihnen nicht schnell genug?

Dr. Bagschik: In manchen Ländern Richtung Südeuropa wird es ein bisschen länger dauern.

 ?: Der ID. Kunde hängt an einer gewissen Infrastruktur. Wie unterstützt Volkswagen hier seine Kunden? Welche Angebote gibt es? Das Auto ist das eine, aber auch die Ladeinfrastruktur muss funktionieren. 

Dr. Bagschik: Wir möchten gerne, dass unser Kunde mit einer Ladekarte auskommt und sich nicht darum kümmern muss, welche App er auf dem Smartphone aufzurufen hat, um laden zu können. Wir sind gut vorangekommen und haben eine deutlich über 80-prozentige Abdeckung mit der We Charge Karte. Wir haben das noch vereinheitlicht mit LogPay und werden jetzt zum Herbst noch mal vereinfachte, sehr günstige Tarife bringen. Es gibt Kunden, die laden lokal, und es gibt Kunden, die sind öfter auf Langstrecken unterwegs. Wir werden unsere Geräte so anpassen, dass wir für beide Kunden das Richtige tun, um lokal bessere Preisgarantien und bessere Preise darstellen zu können.

Dann sind wir natürlich mit Ionity am Ausbau der Ladeinfrastruktur dran und unterstützen das sehr stark. Wir machen das Laden im Auto leichter. Mit dem ersten Software Update kam die Multi-Stop-Routenplanung ins Fahrzeug und wird mit dem nächsten Update verbessert, damit es mehr Auswahlmöglichkeiten gibt, indem in der Navigation von vornherein gesagt wird, wo man laden kann und was die optimale Strecke ist. Das ist sehr einfach und selbstverständlich. Wir erhalten ständig Kunden-Feedback auch über den First Movers Club, so dass wir direkt interagieren können. Heutzutage kann man so viele Ideen und so viele Themen über Software umsetzen. Auch im Bereich Laden sind wir ständig an den nächsten Themen dran, so dass es immer besser wird. 

 ?: Durch die verschiedenen Modelle, die es in der ID. Familie gibt, wird die Nachfrage steigen. Wie werden Sie dies in der Produktion steuern können?

 Dr. Bagschik: Wir sind in den beiden Werken in Zwickau und demnächst auch in Emden, wo wir eine Drehscheibe haben werden, so dass der ID.4 in beiden Werken laufen kann. Da kann man ein bisschen steuern. Vor fünf Jahren hat man gesagt, meine Prognose sei zu ambitioniert, aber inzwischen sind wir weit darüber und wir werden schauen, ob wir neue Kapazitäten hinzunehmen.

?: Können Sie die Prognose wiederholen? 

Dr. Bagschik: Damals hatten wir gesagt eine Million pro Jahr weltweit. Das ist jetzt schon weit darüber.        

Große Chance genutzt

Als Silke Bagschik 2016 aus dem Mutterschutz zurückkam, steckte Volkswagen in den Anfängen der Dieselkrise. „Ich konnte es nicht glauben. Ich habe mich gefragt: Was passiert mit unserer Marke? So sind wir doch nicht“, sagt sie im Rückblick. Auf eigene Faust suchte sich die erfahrene Marketing-Expertin ihre Rolle in der beginnenden Elektro-Offensive des Unternehmens. Seit mehr als vier Jahren verantwortet sie Vertrieb und Marketing der E-Modelle. „Der Wandel zur Elektromobilität ist unsere große Chance, unseren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die daraus ihren Stolz ziehen. Das ist toll“, sagt sie. Für das Unternehmen schafft die E-Offensive zugleich die Voraussetzungen, um politische Vorgaben wie die strengeren CO2-Ziele der EU einzuhalten.