Wir sprachen mit Simona De Silvestro, Porsche-Werksfahrerin (Ersatzfahrerin FIA Formel E) – die Schweizerin ist die erste Werksfahrerin in der Geschichte von Porsche Motorsport

 DIE AUTOSEITEN: Was macht der Reiz des elektrischen Fahrens mit einem Sportwagen aus?

 Simona De Silvestro: Ich finde, dass die Technologie mega cool ist, ein Auto schnell zu bewegen und heutzutage ist elektrisch the way to go. Ich finde es ganz spannend, dass man jetzt auch auf der Straße vollelektrische Sportwagen fahren kann und nicht nur im Rennauto. 

 ?: Was ist der Unterscheid zwischen Straßenauto und Rennauto? 

 De Silvestro: Also es ist eigentlich ziemlich gleich, wenn man vom Rennsport kommt, dann ist es etwas anderes mit einem Verbrennungsmotor zu fahren. Aber wenn man dann drin sitzt und elektrisch fährt, ist es ein Rennauto. Und das gleiche ist es wenn man mit dem Taycan fährt, klar ist der Sound anders, aber das Auto hat mega Performance, ist mega schnell, fährt sich wirklich wie ein echter Porsche. Also vollelektrisch Fahren ist es schon wirklich cool.

In der Welt des Motorsports sind Frauen immer noch etwas Besonderes. Es ist ein hartes Geschäft. Was zählt, ist Leistung. Simona De Silvestro hat damit keine Probleme. „Ja, ich bin eine Frau, aber in erster Linie sehe ich mich als Rennfahrerin, die versucht, ihren Job im Auto gut zu machen“, sagt sie. „Es ist doch so: Wir tragen alle einen Helm, und wer am Ende gewinnt, hat es verdient und erntet den Lohn.“ Die Frage nach dem Erfolgsgeheimnis ihrer Karriere beantwortet sie in zwei Sätzen: „Wenn ich eine Chance bekam, habe ich sie genutzt. Und ich habe nie aufgegeben.“

?: Was ist aus Fahrersicht der Unterschied zum konventionellen Rennwagen?

De Silvestro: Aus Fahrersicht ist, wenn man aufs Gas geht, sofort Power vorhanden. Das hat man eigentlich nirgendwo. Und das merkt man auch vom Fahrstil. Im Rennauto fährt man beispielsweise ein bisschen anders, weil man hier immer direkt Power spürt und das ist ja eigentlich die größte Differenz – und klar auch vom Sound her. Aber vom Fahren ist es eigentlich wie ein normales Rennauto. 

 ?: Du fährst in der FIA Formel E. Wie bist du zu Porsche gekommen?

 De Silvestro: Ich bin eigentlich schon lange in der Formel E, bin die zweite Saison für Andretti Autosport gefahren. Ich hatte immer einen Fuß in der Formel E und letztes Jahr hat mich Porsche als Ersatzfahrerin und Entwicklungsfahrerin reingenommen. Es ist ziemlich spannend für Porsche zu fahren, weil es eben eine traditionsreiche Marke in der Motorsportwelt ist, und dass ich für Porsche fahren darf, ist schon toll.   

 ?: Du bist als Rennfahrerin in den USA sehr viel gefahren. Warum gerade die USA? Hat man es da, um jetzt ein Vorurteil vorzubeugen, als Rennfahrerin einfacher als in Deutschland oder Europa?

De Silvestro: Ich glaube, wenn ich meine Karriere anschaue, hatte ich das Glück, überall auf der Welt zu fahren und in Amerika hatte ich die Chance bis in die IndyCar-Serie zu kommen, das ist schon wirklich speziell. Und ich glaube, dass es sich ändern wird, dass es immer mehr Chancen für Frauen geben wird, aber es ist immer noch ein harter Weg beim richtigen Team zu sein und im richtigen Auto zu sitzen. Das Glück, das ich mit Porsche habe, eben direkt mit dem Werksteam zu arbeiten, ist schon eine große Chance.   

Mit Porsche hat sie noch viel vor: „Ich hoffe, dass wir zusammen Rennen gewinnen und eines Tages vielleicht auch in Le Mans starten werden.“ Viele Rennfahrerträume hat sie sich schon erfüllt. Trotzdem ist sie immer noch voller Tatendrang und sprüht vor Energie: „Manchmal fühle ich mich wie ein kleines Kind, das mit großen Augen in die Welt blickt und sich darauf freut, was die Zukunft alles bringt.“

?: Wie bist du als Rennfahrerin unter den Rennfahrern aufgenommen worden?

 De Silvestro: Eigentlich gut. Ich glaube aber, als Frau muss man immer ein bisschen beweisen, dass man dazu gehört. Und das sehe ich schon, wenn ich in eine neue Serie kommt, sagen sie am Anfang „oh mal schauen“ und dann, wenn man zeigt, dass man schnell ist, werden wir eigentlich ziemlich schnell akzeptiert. Und das ist auch etwas, was mir wichtig ist, weil am Schluss es egal ist, wer gewinnt, und am schnellsten ist. Dies ist eigentlich das Ziel.   

 ?: Es gibt einige namhafte Rennfahrerinnen, die in der Vergangenheit erfolgreich waren. Hast Du ein Vorbild?

 De Silvestro: Nicht wirklich. Dort wo ich gefahren bin, gab es niemand wirklich im Top Level. Ich wusste, ich wollte Rennen fahren. Da war mir eigentlich egal, wie viele Jungs am Start waren. Aber ich hoffe, dass wir Frauen mehr inspirieren können.

 ?: Was ist Dein persönliches Ziel für Deine Motorsportkarriere?

 De Silvestro: Na klar, zu gewinnen. Aber ich glaube, es ist ein wichtiger Punkt, dass man im Rennsport am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt ist. Ich möchte die Chance haben, in einem guten Auto um die Meisterschaft zu kämpfen.

VonSwiss Miss“ zu „Iron Maiden“

Schon als Teenager waren Autorennen ihre große Leidenschaft. Simona De Silvestro hat auf vieles verzichtet und unermüdlich gekämpft, um ihren Traum leben zu können. Die Schweizerin war noch nicht ganz 18, als es sie nach ersten Formel-Erfolgen in Europa in die USA zog. Über die Formel BMW und die Formel Toyota Atlantic landete sie in der IndyCar-Serie. Beim legendären Indy 500 wurde sie 2010 als „Rookie of the Year“ ausgezeichnet.

Noch mehr Anerkennung bei Fahrern und Fans verdiente sie sich ein Jahr später, als sie sich in Indianapolis am Tag nach einem schweren Trainingsunfall trotz Verbrennungen an beiden Händen ins Auto setzte und die Qualifikation schaffte. Für diese couragierte Leistung verpassten ihr die Amis, für die Simona De Silvestro bis dahin immer nur die nette „Swiss Miss“ war, einen neuen Spitznamen: „Iron Maiden“. Auf die Musik der gleichnamigen Heavy-Metal-Band stand sie zwar nicht, doch mit der Haltung, die dieser Name ausdrückt, kann sie sich gut identifizieren.

Sie ist hart gegen sich selbst, aber nicht verbissen. Eine selbstbewusste junge Frau. Dass bei ihr auch die Leistung auf der Strecke stimmt, sprach sich schnell herum in der Branche. So holte sie Sauber 2014 in seinen Formel-1-Kader, in der Saison 2015/2016 fuhr sie für Andretti in der Formel E, danach startete sie in der australischen Supercars-Serie – und 2019 wurde sie Porsche-Werksfahrerin.