Wir sprachen mit Bernhard Bauer, Geschäftsführer SEAT Deutschland GmbH und Chef der Marke CUPRA

?: Herr Bauer, die Automobilbranche befindet sich derweil in einem Wandel – Stichwort Elektrifizierung und Digitalisierung. Wie geht SEAT Deutschland damit um?

Bernhard Bauer: Wir lernen eigentlich schnell. So wie wir vor anderthalb Jahren gelernt haben, dass mittlerweile 80 bis 90 Prozent der Mitarbeiter im Home-Office arbeiten, sehen wir auch, dass sich die Nachfrage an Autos verändert hat. Vor einem Jahr hätte ich nicht geglaubt, dass die Hälfte unserer Fahrzeuge tatsächlich mit „Stecker“ verkauft werden. Innerhalb von wenigen Monaten hat sich das wirklich gewandelt. Natürlich auch für den Handel in einer Zeit, in der COVID-Phase, wo die Autohäuser zumindest im Showroom geschlossen waren, war jeder gezwungen, sich digital zu orientieren. Das heißt, wir alle haben mehr im Internet gesurft – und die Kunden natürlich auch.

?: Wird der Kunde sein Auto auch weiter beim Händler kaufen oder wird das Auto online verkauft?

Bauer: Ich bin gegen diese Schwarz-Weiß-Betrachtungen im Allgemeinen. Vor Jahren haben wir schon diskutiert: gibt es Schuhe dann nur noch bei Zalando und nicht mehr im Schuhgeschäft? Ich bin davon überzeugt, dass es sich immer erweitert und es ist keine Frage von entweder-oder. Das Angebot erweitert sich, das Kundeninteresse wird breiter. Das heißt, die die möchten, fahren auch weiterhin so, wie sie es gewohnt waren, ins Autohaus.

Ich glaube, der persönliche Kontakt ist vielen immer noch wichtig, aber nicht mehr allen. Das heißt, es gibt auch Leute, die sagen: nein, ich habe ein Bewusstsein geschaffen. Ich bin vielleicht einmal Probe gefahren. Ich habe meine Informationen über das Internet, über andere Kanäle, die es da gibt, geholt und klicke mittlerweile auch die Leasingrate fürs Auto an. So wie wir alle vor Jahren vielleicht auch mal angefangen haben, eine Flugreise im Internet zu buchen, und wer es damals das erste Mal gemacht hat, erinnert sich daran, dass es sich auch merkwürdig angefühlt hat. Aber heute ist es Gang und Gebe. Und wir sehen, dass Allgemeingüter auch im Internet gekauft werden. Autohandel gehört mittlerweile ebenfalls dazu. Für mich ist es, wie gesagt, nicht eine Entweder-Oder-Frage.

„Wir haben mittlerweile 66 Varianten im Leon Angebot, bieten wirklich alles an. Ich glaube, wenn man sich ernsthaft mit Umwelt auseinandersetzt, kommt man am Thema Erdgas auch nicht vorbei. Das ist eine interessante, gute und umweltfreundliche Alternative, insbesondere aus der CO2-Betrachtung. Und ganz besonders, wenn wir sehen, wo die Entwicklung der Spritpreise hingeht. Ich glaube, dass sowohl TGI als auch der Turbodiesel die Chance hat, wirklich eine Renaissance zu kriegen.“

?: Sie stehen in Deutschland mit SEAT und CUPRA zwei Marken vor. Der SEAT-Händler differenziert sich mit beiden Marken. Wie sieht hier die Zukunft aus?

Bauer: Vor drei Jahren sind wir das erste Mal mit der Marke CUPRA gestartet. Aber nicht nur als eine Ausstattungsvariante CUPRA, sondern haben die Marke CUPRA etabliert. Und seitdem funktioniert dies gut, sie wächst mittlerweile zu einem relevanten Volumen. Während das in der Vergangenheit mal fünf bis zehn Prozent von der Leon Ausstattungsvariante waren, stellen wir heute fest, dass es in großen Schritten geht. Das meistverkaufte Auto im Hause ist mittlerweile der CUPRA Formentor, er ist am SEAT Leon vorbeigezogen, obwohl wir immer noch den SEAT Leon gut verkaufen. Das heißt, wir wachsen auch zweistellig weiter und dies finde ich in der COVID-Phase gar nicht so selbstverständlich. Es ist natürlich eine Herausforderung für uns, mit zwei Marken zu leben und zu arbeiten, macht aber natürlich auch Spaß. Beide Marken sind erfolgreich unterwegs.

?: Wie weit ist die Elektrifizierung der Marken vorangeschritten? Wird es hier einen Schwerpunkt zur jeweiligen Marke geben?

Bauer: Ja, wir haben beide Fahrzeuge und Marken elektrifiziert. Wenn Sie mich vor einem Jahr gefragt hätten, wäre ich wahrscheinlich nicht ganz so optimistisch gewesen, wie ich es heute bin. Wir sehen, dass die Förderungsmaßnahmen unwahrscheinlich gut funktionieren. Die Leute sind sehr informiert über das, was es bedeutet, Hybride zu fahren oder Fahrzeuge mit Strom zu tanken. Erstaunlich, wie sich das gewandelt hat. Die Förderung trägt natürlich einiges dazu bei. Wir haben optimistisch geplant, auch diese Fahrzeuge gut abzusetzen. Aber wir stellen heute fest, dass dies, wo wir die Modelle als Strom- und Verbrennungsmotor anbieten, die Tendenz zu fifty-fifty geht, teilweise sogar drüber. Das heißt, die Hälfte der Leute entscheidet sich im Moment für ein „Stecker-Fahrzeug“. Das war vor einem Jahr noch nicht der Fall.

„Vor drei Jahren sind wir das erste Mal mit der Marke CUPRA gestartet. Aber nicht nur als eine Ausstattungsvariante CUPRA, sondern haben die Marke CUPRA etabliert. Und seitdem funktioniert dies gut, sie wächst mittlerweile zu einem relevanten Volumen.“

?: Sie haben den SEAT Leon und CUPRA Leon im Angebot. Ist der Leon das Herz beider Marken?

Bauer: Der Leon ist die Säule, auch wenn wir heute mit Stolz verkünden, dass der CUPRA Formentor das meistverkaufte Auto ist, doch er muss sich ja auch erstmal über Jahre beweisen. Was der Leon schon über Generationen längst hinter sich hat. Der Leon ist nach wie vor der Backbone der Company. Auch wenn wir uns freuen, dass wir jetzt noch einen zweiten stärkeren Backbone dazu bekommen haben.

?: SEAT hat innerhalb der Leon Modellreihe noch weitere Motoren im Angebot wie den Turbodiesel und den Erdgas-Antrieb. Wird die Marke SEAT weiter daran festhalten?

Bauer: Ja, wir haben mittlerweile 66 Varianten im Leon Angebot. Dies muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wir bieten wirklich alles an und können das ganze Paket anbieten. Ich glaube, wenn man sich ernsthaft mit Umwelt auseinandersetzt, kommt man am Thema Erdgas auch nicht vorbei. Das ist eine interessante, gute und umweltfreundliche Alternative, insbesondere aus der CO2-Betrachtung. Und ganz besonders, wenn wir sehen, wo die Entwicklung der Spritpreise hingeht. Ich glaube, dass sowohl TGI als auch der Turbodiesel die Chance hat, wirklich eine Renaissance zu kriegen. Es macht sich schon bemerkbar, ob Sie für 100 oder 20 Euro volltanken.

?: Herr Bauer, wie sehen Sie das laufende Jahr? Vor Corona ist nach Corona.

Bauer: Ich nehme die Pandemie nach wie vor sehr ernst. Wir sind mit den Mitarbeitern noch vorsichtig. Wir bleiben im Moment weiter beim Home-Office-Modell. Ich glaube, wir werden die Wahrheit im Herbst sehen, wo wir dann stehen. Die Impfquoten lassen vermuten, dass das in die richtige Entwicklung geht. Erstaunlicherweise hat trotz geschlossenen Showrooms die Absatzsituation hervorragend funktioniert. Wir haben erfolgreich Autos verkauft, sind zweistellig im Wachstum gegenüber Vorjahr, haben Marktanteil gewonnen. Und wenn sich das oder die Tendenz nicht groß verändert, müsste man mit gesundem Menschenverstand sagen, dass es mit offenen Showrooms ja leichter sein muss als mit geschlossenen. Man kann davon auszugehen, wenn der Trend positiv weitergeht, wir ein sehr starkes Jahr 2021 hinter uns bringen.

„Wir stellen heute fest, dass dies, wo wir die Modelle als Strom- und Verbrennungsmotor anbieten, die Tendenz zu fifty-fifty geht, teilweise sogar drüber. Das heißt, die Hälfte der Leute entscheidet sich im Moment für ein „Stecker-Fahrzeug“. Das war vor einem Jahr noch nicht der Fall.“