Carsten Isensee, SEAT Vorstand für Finanzen und IT im Gespräch mit DIE AUTOSEITEN 

Wir sprachen mit Carsten Isensee, SEAT Vorstand für Finanzen und IT 

DIE AUTOSEITEN: Herr Isensee, das vergangene Jahr war ein sehr spezielles Jahr, in dem sich die Autobranche auf die Situation der Corona-Pandemie einstellen musste. Wie ist Seat als Automobilhersteller mit der Situation umgegangen?

Carsten Isensee: Nun, es war tatsächlich ein sehr schwieriges Jahr. Wir waren gerade in der Vorbereitung unsere neue SEAT Leon Familie einzuführen. Wir hatten Events auf internationaler, nationaler und natürlich auch auf Händlerebene geplant und mussten alles absagen. Natürlich wurden wir in der Produktion schwer getroffen. Wir haben ja relativ schnell den Lockdown veranlasst. Und ich kann nur betonen, wir haben hier hervorragend zusammengearbeitet – zwischen Produktion und den Medical Centern, die wir hier haben. Wir haben zum Beispiel in der Fabrik, wo normalerweise Fahrzeuge vom Band laufen, Beatmungshilfen gebaut und haben somit versucht, der spanischen Öffentlichkeit entsprechend zu helfen. Das ist uns gut gelungen.

Und wir waren das Unternehmen in Spanien, das darf ich mit Stolz sagen, das alle Mitarbeiter getestet hat. Das war durchaus nicht selbstverständlich. Wir waren Vorreiter hier in Spanien. Wir haben viertausend Leute an einem Tag testen können – und wir machen das noch immer. Auch heute noch werden die Mitarbeiter in der Produktion zweimal in der Woche getestet. Das heißt viereinhalb bis fünftausend Mitarbeiter testen wir täglich und werden im nächsten Schritt anfangen, unsere Mitarbeiter, die Familien der Mitarbeiter, aber auch die Lieferanten entsprechend zu impfen.

Unabhängig davon hat uns natürlich die Pandemie von der Businessseite her schwer getroffen. Wir haben fast 30 Prozent unseres Wholesales Volumen verloren. Wenn Sie ein Viertel Ihres Volumens verlieren, dann ist das natürlich ein schwerer Schlag aber wir haben entsprechend gegengesteuert. Wir konnten die Margen erhöhen, die Fixkosten deutlich reduzieren und versuchen nun, einen großen Teil dieser Fixkosteneinsparungen, die wir erreicht haben, jetzt natürlich in die nächsten Jahre fortzuführen. Von daher haben wir hier einen ganz guten Job gemacht und das Team hat perfekt zusammengearbeitet.

 

?: Aus wirtschaftlicher Sicht muss man natürlich auch den Blick auf die laufende Produktion haben. Wie groß oder wie hoch war 2020 die Einschränkung und wie sehen Sie die Situation im laufenden Jahr 2021?

Isensee: 2021 sind wir eigentlich back on Track. Wir haben eine Produktionskapazität, die bei ungefähr 2.100 Fahrzeugen am Tag liegt. Es gibt immer mal Rückschläge, die Halbleiter sind momentan das Thema. Da gibt es immer mal wieder Tage, an denen wir aussetzen und die Produktion für bestimmte Fahrzeuge herunterfahren müssen. Wir waren 2020 sehr flexibel, das war eine Mischung aus Kurzarbeit und Flexibilisierung. Die Mitarbeiter, aber auch die Kollegen von der Gewerkschaft der Mitarbeitervertretung haben gut mitgemacht. Wir konnten eigentlich immer optimal arbeiten, haben uns hier sehr gut abstimmen können.

?: Der Rückgang der Produktion ist die eine Seite der Medaille, finanzielle Einbußen die andere Seite. Kann Seat hier auf ein solides Fundament aufbauen?  

Isensee: Wir haben auf der einen Seite mit den neuen Modellen, insbesondere den CUPRA Modellen, aber auch dem neuen SEAT Leon, Möglichkeiten, unsere Verkaufserlöse entsprechend zu erhöhen. Das haben wir über die Jahre geschafft. Auf der anderen Seite sind wir dabei, ich hatte es gesagt, an der Fixkostenbasis entsprechend nach zu schärfen und das zu fokussieren, was wir brauchen, um die Zukunft, aber auch das laufende Geschäft aufrechtzuerhalten. Und, wenn ich das sagen dar, das hatte bislang keinen Einfluss auf unsere Investitionsplanung. Das heißt, wir sind dort mit Volldampf unterwegs, weil wir glauben, dass wir die richtige finanzielle Basis gefunden haben, um auf diesem Fundament mit den Investitionen jetzt erfolgreich zurückzukommen.

 

?: Jetzt ist ja leider die Corona-Pandemie noch nicht überstanden. Wie sehen Sie die Situation für die Marke Seat und Cupra im laufenden Jahr? Wo müssen Sie Stellschrauben anziehen oder wo können Sie lockern?  

Isensee: Die Stellschrauben gibt uns momentan der Markt vor. Der größte Rückschlag, den wir momentan sehen, ist in Spanien. Das heißt, in Spanien sind viele Händler noch zu. Dort erleben wir Volumen-Rückgänge zwischen 30 und 40 Prozent, nicht nur bei SEAT und CUPRA, sondern auch in der gesamten Industrie. Und wir hoffen, dass wir hier entsprechend weiter vorankommen. Auf der anderen Seite sind wir gut unterwegs. Wir haben jetzt viele Plug-in-Hybrid Modelle im Markt. Die Nachfrage ist nach wie vor gut und groß und wir glauben, dass wir jetzt mit den Marken richtig durchstarten können. Wir sehen sehr positive Momente aus Deutschland. Dort sehen wir einen richtigen Boom, was CUPRA angeht und dies hat natürlich von der Margenauswirkung ganz positive Entscheidungen für uns bewirkt. Und auf der anderen Seite optimieren wir natürlich nachhaltig auch den Channel-Mix und den Country-Mix. Von daher, denke ich, sind wir sehr gut unterwegs.

Wayne Griffiths, Vorstandsvorsitzender SEAT und CUPRA mit Carsten Isensee, SEAT Vorstand für Finanzen und IT 

?: Jetzt vollzieht sich auch ein Wandel in der Automobilindustrie, Thema Digitalisierung, Elektromobilität, Sie sprachen es schon an. Das ist sicherlich auch mit hohen Investitionen. verbunden. Wie ist das gerade jetzt in so einer schwierigen Situation, in der wir uns derzeit befinden, zu bewältigen?

Isensee: Wir hatten ja einen langfristigen Investitionsplan im letzten Jahr angekündigt. Wir reden über den Zeitraum von 2020 bis 2025 von fünf Milliarden Euro. Diese Summen sind in unserer langfristigen Finanzplanung verankert, das habe ich auch deutlich gemacht. Ein Großteil wird natürlich in die Elektrifizierung der Fahrzeuge gehen. Und digitalisiert sind wir auch schon zum Teil. Und Sie wissen, dass wir im Volkswagen Konzern immer zusammen unterwegs sind. Das bringt uns gerade den Vorteil, dass wir bestimmte Investitionen in Digitalisierung oder in Elektrifizierung auf eine ganz andere Skalenbasis bringen können, als mögliche andere Wettbewerber. Wir sind hier nicht gefordert, für jedes Fahrzeug komplett eigene Digital-Lösungen oder Infotainment-Lösungen zu entwickeln, sondern wir adaptieren die Technik markenspezifisch im Konzern. Und diese Summen sind entsprechend in unserer Planung abgedeckt.

 

?: Dann kann man das so sehen, dass es von Vorteil für die Marken SEAT und CUPRA ist, dass man in einen großen Konzern integriert ist und Teil eines Konzerns ist?

Isensee: Absolut – und das ist das Konzern-Optimum, was unser Volkswagen Konzern Vorstandsvorsitzender Herbert Diess natürlich auch sucht – wir sind dabei. Und es ist ja heute schon so, dass wir Fahrzeugplattformen über Marken hinweg kreieren. Das heißt vor Kunde haben wir die markenspezifischen Adjustierungen, das, was der Kunde sieht und mag an einer bestimmten Marke, insbesondere natürlich auch für SEAT und CUPRA. Aber unter dem Kleid gibt es natürlich auch Gleichteile und die sind optimiert über den Konzernverbund. Dies ist ein ganz klarer Vorteil. 

Carsten Isensee im Gespräch mit DIE AUTOSEITEN

?: Herr Isensee, Sie sind ein Kenner des Volkswagen Konzerns. Sie waren viele Jahre weltweit in verschiedenen Positionen tätig. Was reizt Sie heute besonders an Ihrer beruflichen Aufgabe bei der Marke SEAT und natürlich auch bei CUPRA?

Isensee: Wir haben zwar siebzig Jahre Geschichte, aber ich empfinde uns als eine wirklich junge, agile, aufstrebende Marke. Das ist nicht nur das Feedback, was uns unsere Kunden geben. Sie wissen, dass unsere Kunden im Durchschnitt fast zehn Jahre jünger sind als der Wettbewerb und das befruchtet uns auch, agiler zu denken, agiler zu arbeiten, mit neuen Ideen zu kommen. Und auch mal mit CUPRA sich ein Ziel zu stecken, das Ungewöhnliche zu wagen und neue Wege zu gehen.

Die Kollegen in Wolfsburg und natürlich in unserem Headquarter bei SEAT sind dabei neue Kundenwege zu optimieren und das macht mir viel Spaß. Auf der anderen Seite bin ich ja auch zuständig für die IT. Auch hier bin ich sehr zufrieden mit dem, was wir geschafft haben. Wir haben einen Geschäftsbereich, der heißt SEAT:Code, in der wir digitalisieren. Hier haben wir über 100 neue Mitarbeiter in einem Jahr eingestellt. Wir optimieren hier digitale Lösungen für SEAT und CUPRA, aber zum Teil auch für den Konzern im Verbund – das macht mich sehr optimistisch. Und was mir auch wirklich Spaß macht, ist diese momentane Aufbruchsstimmung, die wir hier in Spanien erleben mit dem Projekt Future Fast Forward, wie wir das nennen, bei dem wir als SEAT eine Chance sehen, aus dieser Krise heraus etwas zu organisieren, zu bewerkstelligen, wo wir dabei sind, die Gesellschaft in eine bestimmte Richtung mit zu entwickeln und wir möchten gerne vorne dabei sein. Das sind Motive, die mich richtig glücklich machen. Und die finanziellen Zahlen werden dieses Jahr zurückkommen und zwar positiv.

?: Sie denken, dass in diesem Jahr schon positive Zahlen zu erreichen sind?

Isensee: Auf den Prämissen, die wir heute erarbeitet haben, sehen wir eine klare schwarze Null. Und wenn es einigermaßen gut läuft, werden wir die schon im ersten Quartal sehen.

DIE AUTOSEITEN: Herr Isensee, das ist ein zuversichtlicher Abschluss. Wir bedanken uns für das Gespräch.

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