Golf ist Golf: man muss ihn erkennen können – Der ID.3 ist anders: hier muss man Dinge neu lernen 

Wir sprachen mit Klaus Bischoff, Chefdesigner von Volkswagen, der sagt, „das Design letztlich immer eine Funktion hat, sonst wäre es eine Skulptur. Es ist immer innovativ. Ein Volkswagen ist immer sympathisch und er hat immer eine sensitive Formsprache.“

DIE AUTOSEITEN: Herr Bischoff, über mangelnde Arbeit würden Sie sich bei der Marke Volkswagen vermeintlich nie beklagen. Das Tuch über ID.3 und Golf 8 ist leicht gelüftet. Sind Sie hier mit Ihrer Arbeit fertig?

Bischoff: Mit unserer Arbeit an dem ID.3 und dem Golf 8 sind wir fertig. Vom Prozess gestaltet sich das ja so, dass die Vorbereitung zur Serienproduktion rund anderthalb bis zwei Jahre dauert. Auch das begleiten wir dann natürlich. Bei beiden Modellen ist die Designarbeit an sich abgeschlossen. Wir machen aber auch beim ganzen Auftritt um die Finalisierung der Fahrzeuge herum unsere Arbeit, denn den gesamten neuen Auftritt der Marke Volkswagen gestalten wir ja mit. Sie werden sicherlich schon gehört haben, dass es ein neues Marken-Logo geben wird, auch das kommt aus unserer Hand. So erweitert sich das Betätigungsfeld der Designer Zug um Zug – das ist sehr spannend. 

Der Golf 8 ist noch im Tarnkleid unterwegs – Weltpremiere im Oktober 2019  

 ?: Also haben Sie auch selbst an dem neuen Volkswagen Logo mitgearbeitet?

Bischoff: Ja das stammt aus meiner Feder. 

?: Was ist der Hintergrund, warum man das Logo verändert hat?

Bischoff: Die Marke verändert sich, und zwar nicht unerheblich. Wenn man sich anschaut wie weit sich die Marke in Richtung Elektromobilität, Nachhaltigkeit und Verantwortung für Umwelt, Menschen, Kunden und Mitarbeiter dreht und das auch programmatisch und strategisch angeht – nicht nur die Marke Volkswagen, sondern der ganze Konzern – war es klar, dass sich das auch im Auftritt der Marke niederschlagen muss. 

Aber es gibt auch noch weitere Aspekte. Menschen leben heute anders mit ihren Fahrzeugen und werden es morgen noch einmal anders tun. Fahrzeuge werden immer stärker in die digitale Umgebung und das digitale Profil der Menschen eingebunden. Wenn Sie sich vorstellen, dass Sie morgen oder übermorgen mit ihrem Fahrzeug digital verbunden sind, ihm also zum Beispiel sagen: „Ich komme ein bisschen später. Mach etwas später die Heizung an.“ Oder: „Ich möchte gerne dahin fahren.“– dann sucht das Auto im Anschluss schon einmal die Route heraus, sucht sich Ladestationen, macht eine Verkehrsberechnung und guckt, wie das Wetter ist.

Die Kunden werden ihre Beziehung zum Auto verändern. Das ist nicht einfach nur ein Mobil, was auf dem Hof steht und für das man einen Schlüssel in die Hand gedrückt bekommt, sondern es wird ein Teil des Lebensmodells von Menschen werden, weil Mobilität immer wichtiger wird. Das VW-Zeichen, das Emblem und alle Designaspekte um dieses Emblem herum müssen in einer gestalterischen Welt zueinander passen. Das hat viel mit dem User Interface und einem Handlungsfluss zu tun. Es hängt auch viel mit dem holistischen Auftritt der Marke zusammen. Dabei wird auch das Betätigungsfeld der Designer erheblich größer.

?: Der ID.3 und die ID. Family insgesamt stehen für das zukünftige Design. Auf der anderen Seite gibt es den neuen Golf, der ja auch seine Identität behalten muss, aber auch modern wirken soll. Wie kann das gelingen? 

Bischoff: Das ist ein großes Spannungsfeld, weil man einerseits Gralshüter der Identität des Golfs ist und der Wagen ein Produkt ist, das viele Menschen auf der Welt lieben. Der Golf steht eben für die Marke und ihre Werte. Sein Design, ohne dass es historisierend wirkt oder rückwärtsgewandt ist, war auf jeden Fall eine Herausforderung. Die Kunst besteht darin, es so zu machen, dass Menschen jetzt den Golf völlig neu erleben können – insbesondere im Interieur.  

?: Was ist aus Designsicht das Prägnante beim ID.3 und Golf 8, wo liegen die Unterschiede?

Bischoff: Sie werden sehen, dass beide sofort als Volkswagen erkennbar sind. Es geht darum eine Markenidentität zu erzeugen und gleichzeitig ganz starke Produktidentitäten zu schaffen. Man muss auch sehen: Golf ist Golf. Ich muss ihn erkennen können. Dafür gibt es eine bestimmte Architektur, bestimmte Proportionen, bestimmte Gestaltelemente, die neu erfunden, aber wiederkehrend sind.

Beim ID.3 ist das anders. Hier muss ich Dinge neu lernen. Es ist wie ein weißes Blatt Papier, das jetzt neu geschrieben wird. Die Kunst ist es, besonders starke, klare und in sich stimmige Elemente zu verwenden. Die Proportion muss einzigartig und neu sein. Das Ganze ist erfolgreich, wenn es gelingt, alles in eine Form zu bringen, die sowohl einprägsam ist, als auch als Zeichen für Aufbruch in eine neue Mobilitätsform gesehen wird. Aufbruch der Marke hin zu nachhaltiger Mobilität und Verantwortung für den Planeten. Wenn alle diese Inhalte über das Produkt transportiert werden, über den Modernitätsgrad und über das Erlebnis, dann ist das Ziel erreicht. Wir wollen die Menschen ja in diese Mobilitätsform hineinziehen und dafür muss ich mutig mit dem Design vorwärtsgehen. Dann muss ich Dinge tun, die für die Marke neu sind. Das haben wir gemacht und ich bin sehr gespannt, wie die Kunden auf das Fahrzeug reagieren werden.

?: Aber Design selbst ist auch ein Spagat zwischen Schönheit und Eleganz einerseits sowie andererseits der Praktikabilität dienlich – Design sollte ja auch praktisch sein.

Bischoff: Design hat letztlich immer eine Funktion, sonst wäre es eine Skulptur. Es ist immer innovativ. Ein Volkswagen ist immer sympathisch und er hat immer eine sensitive Formsprache. Wir gehen sehr holistisch an das Produkt heran. Das Auto wird jetzt zu einem Lifestyle Companione, der eine digitale Qualität hat. Es wird intelligente, digitale Assistenten geben. Man wird mit dem Auto reden können und das Auto lernt, was der Kunde täglich unternimmt und schlägt dann zum Beispiel die besten Routen zu einem wahrscheinlichen Ziel vor. Das läuft alles schon im Hintergrund. Wenn Sie das Auto um eine bestimmte Uhrzeit starten, dann weiß es schon: „Aha,  es geht zur Arbeit, oder es geht zum Kindergarten, oder heute ist Wochenende, es ist später, vielleicht shoppen oder an die Ostsee?“ Es wird prädiktiv und intelligent und es erreicht somit eine ganz neue Dimension. Das macht elektrische Fahrzeuge und die Digitalität dieser Fahrzeuge auch attraktiv für Kunden. Diese Tür aufzuschließen und das für viele zugänglich zu machen ist unser Markenversprechen: Hochtechnologie und E-Mobilität für alle erschwinglich zu machen.

?: Die ID. Family hat verschiedene Modelle. Der ID.3 ist das erste Modell, auch ein ID. Buggy wird kommen, das ist ein ganz spezielles Modell. Ist der vom Design her der Retro ID.?

Bischoff: Ich würde das nicht Retro Design nennen. Es geht darum, dass elektrisches Fahren ja vielfach mit Verzicht in Verbindung gebracht wird: Irgendwie wird mir jetzt der Verbrennungsmotor weggenommen und lauter Fahrerassistenzsysteme übernehmen alles und das Fahren macht keinen Spaß mehr. Dann muss ich ständig noch nach irgendwelchen Ladestationen gucken. Elektromobilität verbinden heute viele Menschen mit: Mir wird etwas weggenommen. Das ist nicht so. Sie kriegen etwas dazu beziehungsweise werden Dinge möglich, die bisher so oder bisher nicht denkbar waren. Denken Sie nur an die Möglichkeit. Ihr Auto im Stand vorkühlen oder vorheizen zu können, solange es noch an der Ladesäule parkt. 

Der ID. Buggy ist ein Showcar, das für elektrisches Fahren in der pursten, einfachsten Form steht. Ich habe keine Türen und wenn mich der Regen mal erwischen sollte, dann haben wir ein Notdach dabei. Es geht darum draußen zu sein, in der Natur zu sein und ein Fahrzeug dort zu bewegen. Und zwar emissionsfrei und fast geräuschlos. Ich kann einfach mit den Leuten, die am Straßenrand stehen, reden. Das treibt einem das Grinsen ins Gesicht und macht so viel Spaß. 

Wir sind ja dafür geboren uns zu bewegen. Menschen wollen aus der Tür gehen und irgendwo hin. Und das geht jetzt auch ohne Emissionen und damit umweltfreundlich.  

?: Was hat Sie beim Design des ID. Buggy besonders inspiriert?

Bischoff: Es gab natürlich den Käfer und auf dem Chassis dieses Käfers gab es endlose Iterationen. Das ist auch der Dreisprung zu dem MEB, ein Baukasten mit unendlichen Möglichkeiten. Jetzt haben wir uns durch die großen Säulen der Marke gearbeitet: Wir haben ein Kompaktfahrzeug, einen SUV, eine Limousine, einen Bus und jetzt kommt die Spaßfraktion. Diese Plattform kann das alles. Wie einst auf dem Käferchassis kann man viele Karosserien darauf setzen, jetzt aber die Antriebe verteilen, wo man möchte. Ob vorne oder hinten, das ist egal. Das ist für uns Designer ein Spielplatz, der viel größer ist als das verbrennungsmotorische Konzepte sein können. Extrem viel Raum, extrem viel Spaß beim Fahren.