Klaus Bischoff, Executive Director von Volkswagen Design, im Gespräch mit DIE AUTOSEITEN

Der erste ID. wird eine völlig neue Designsprache, Proportionen und Mobilitätslösungen bieten. Die Herausforderung für Volkwagen war es den technologischen Wandel, den die ID. Familie repräsentiert, in eine neue Form zu übersetzen.

DIE AUTOSEITEN: Herr Bischoff, Design ist nicht gleich Design. Dies kann man ganz besonders bei der neuen ID. Familie erkennen.

Klaus Bischoff: Absolut ja. Volkswagen geht ja mit dem ID. in eine Reinkarnation der Marke. Wir erfinden die Mobilität für die Masse noch mal neu und werden mit dem ersten ID. – der Ende 2019 dann in Kundenhand gehen wird eine völlig neue Designsprache, eine völlig neue User Experience und völlig neue Proportionen und Mobilitätslösungen anbieten. Das Auto wird voll vernetzt sein, man bietet viele Service über smart devices. Das Fahrzeug wird also „always on“ sein. Diesen technologischen Wandel den dieses Fahrzeug repräsentiert in eine neue Form zu übersetzten, ist die Herausforderung gewesen. Ich glaube das haben wir ganz erfolgreich hinbekommen, weil wir von Beginn an die Proportionen von dieser neuen Fahrzeuggeneration mitgestalten konnten und so der ID. Familie ein vollständig eigenes Erscheinungsbild geben konnten.

?: Wie sind Sie als Designer da herangegangen? Hatten Sie ein weißes Blatt Papier und konnten sich sozusagen einmal austoben oder gab es da gewisse Vorgaben seitens der Technik?

Bischoff: Design hat natürlich immer eine Funktion, allerdings ist es jetzt eben so, dass der Verbrennungsmotor aus der Gleichung herausgenommen wurde und damit ein doch deutlich erhöhter Freiheitsgrad entstanden ist. Es ist vielleicht nicht dieses sprichwörtliche weiße Papier gewesen, aber die Chance Dinge einmal völlig anders anzugehen und neu zu definieren. Das haben wir getan. Es ist ein Prozess, der im Dialog und Gleichklang mit den Kollegen aus den verschiedensten technischen Abteilungen passiert. Es ist also nicht so, dass die Designer machen können was sie wollen. Alles basiert auf kollegialer Zusammenarbeit. Aber das Design muss natürlich in der frühen Phase führen um eine Vision zu geben: Wo wollen wir überhaupt hin? Was sollen die neuen Formen und Produkte aussagen? Was sollen sie dem Kunden geben? Was für eine Art von Funktionalität und Vorteil möchte ich mit der E-Mobilität den Menschen geben?

Herbert Diess, Vorsitzender des Vorstands der Volkswagen AG und Klaus Bischoff am ID. BUZZ

?: Jetzt sprachen Sie eben von der Funktion des Designs, was bei den Automobilen ja nicht immer unbedingt gegeben ist. Stand es für Sie als Designer bei der ID. Familie im Vordergrund ein sehr funktionelles Design zu kreieren?

Bischoff: Nein, das kann man so nicht sagen. Aber man hat als Designer eine hohe Verantwortung für die funktionale Qualität eines Produktes. Wenn ich ein Auto als Skulptur auffasse und etwas gestalte in dem man nicht sitzen oder aus dem man nicht herausschauen kann, das also nicht vom Kundenbedürfnis her gedacht ist, dann macht man einen schweren Fehler. Man hat in einer ersten Annäherung vielleicht die Begeisterung der Kunden auf seiner Seite, die sagen: „Boa sieht toll aus!“ und dann kommt dieser Moment wo man versucht einzusteigen, stößt sich den Kopf und denkt: „Nee das ist es jetzt doch nicht.“ Das gilt es zu vermeiden. Volkswagen hat in seiner Genetik die Verantwortung für eine Zeitbeständigkeit und eine Produktqualität, die überragend ist zu sorgen. Als Designer hat man wie eben schon gesagt, eine hohe Verantwortung eine Lösung zu finden, die kundenorientiert ist. Die E-Mobilität gibt da völlig neue Möglichkeiten. Wir haben das in Bezug auf die ID. Familie fast ein bisschen auf die Spitze getrieben, wenn man so will, weil diese Plattform uns erlaubt bei relativ geringer Verkehrsfläche deutlich mehr Innenraum zu generieren. Das liegt eben daran das der Verbrennungsmotor aus der Gleichung genommen wurde und wir so die Klimaanlage zum Beispiel in den ehemaligen Motorraum schieben konnten. Das hat einen Klassensprung in der Innenraumgröße gebracht. Beispiel: Der kompakte ID., der als erstes auf den Markt kommen wird, ist so groß wie ein Golf, hat aber die Innenraummaße eines Passats. Ergo: Großer Gewinn für den Kunden – mehr Innenraum, mehr Bewegungsfreiheit, mehr Funktionen und auch mehr Stauraum. All das zahlt sich für den Kunden dann mit der E-Mobilität aus. Es ist also nicht in irgendeiner Form ein Verzichtsmobil, sondern im Gegenteil: Wir wollen es so gestalten, dass das Auto eine so attraktive Lösung ist das die Kunden sagen: „Wow das ist ja toll.“ Jetzt fahre ich nachhaltig und verantwortungsbewusst und es macht auch noch Spaß. Das Produkt ist rund in seiner Funktionalität und einzigartig in der Gestaltung.

?: Jetzt haben sie ja nicht nur ein, sondern gleich fünf ID. Modelle gezeichnet. Das war doch bestimmt eine besondere Herausforderung, das in der kurzen Zeit auf die Beine zu stellen oder? Die Modelle haben ja einen Designfaden und eine bestimmte Identität.

Bischoff: Als wir begonnen haben die neue ID. Familie auf Kiel zu legen, haben wir uns sehr intensiv mit den unterschiedlichen Grundformen und Funktionen der verschiedenen Body-Styles auseinandergesetzt.  Die Grundüberlegung war: Was ist zukunftssicher? Was wollen wir den Kunden in Zukunft anbieten? Was braucht die Welt für Fahrzeugkonzepte? Was macht Sinn für die Marke? Wir haben dann die ganze Familie einmal prototypisch gestaltet ohne in die Tiefe zu gehen. Wir haben einen Entwurf gemacht, der die ganze Familie umfasst und nicht nur ein singuläres Produkt und dann eine gestalterische Handschrift erfunden, die diese ganze Familie verbindet und ein sehr ausdrucksstarkes Design hat.

?: Muss Ihrer Meinung nach ein Elektroauto ein ganz besonderes Design haben, also sprich ein Design haben was sich von konventionell angetriebenen Fahrzeugen abhebt? Ist das ein Merkmal?

Bischoff: Für mich als Designer sind zwei Dinge wichtig: Erstmal ja, um die Frage direkt zu beantworten. Ich bin der Meinung das ein Elektrofahrzeug eine andere Form braucht damit Menschen verstehen, dass es eine andere Art von Mobilität ist. Die Menschen wollen das nach außen zeigen. Man trifft ja eine Kaufentscheidung und wechselt quasi von einer Welt in eine andere. Die Menschen wollen zeigen, dass sie eine Kaufentscheidung getroffen haben, die nachhaltig und verantwortungsbewusst ist. Die zweite Perspektive ist mehr die von innen heraus. Dass man über eine völlig andere Funktionsgestalt, die wir erschaffen haben natürlich nicht ein Design gleichzieht welches mit zu gewohnten Formen spielt. Das passt nicht. Die neue Proportion gibt auch den Schlüssel in die Hand mutig zu sein und mit einer neuen Identität und Formsprache nach vorne zu gehen. Diese muss aber gleichzeitig markenaffin sein.

?: War das Innen oder das Außen für Sie reizvoller zu designen?

Bischoff: Das Produkt in seiner Gesamtheit definieren zu dürfen, ist eine tolle Herausforderung und Chance. Das ist eigentlich pari. Der entscheidende Punkt ist, dass man es ganz verstehen muss. Man kann nicht separat das eine machen und dann sagen: „Okay, wir sind außen fertig und jetzt beschäftigen wir uns mit dem Innenraum.“ Das geht nicht. Die beiden Dinge sind untrennbar miteinander verwoben und folgen einer klaren gestalterischen Handschrift.

 

Der neue Golf, der achten Generation kommt 2019 auf den Mark. Der hat ja auch eine Designhandschrift. Ein Golf ist eben ein Golf. Vielleicht können Sie erklären wo der Unterschied zur ID. Familie liegt, wenn man einen neuen Golf im Gegensatz zum ID. kreiert.

 ?: Bischoff: Bei dem Golf habe ich natürlich ein über viele Generationen entwickeltes Erfolgsprodukt. Um das mal einzuordnen. Es ist ein Fahrzeug, das in die achte Generation geht und Menschen weltweit mobilisiert hat und eine geliebte Ikone ist, die ganz viel Markenidentität trägt. Sehr charakterstark und eigenständig. Dass wonach alle anderen lechzen haben wir in der Hand. Das ist ja wie ein Schatz. Den Golf neu zu erfinden, ist extrem schwierig, weil ich genau überlegen muss: Welches Element muss jetzt neu wahrgenommen werden, welche Elemente verändere ich und welche entfallen ganz. Das mit ruhiger, sicherer Hand zu machen, ist ein schwieriges Unterfangen. Ich habe die Ehre bereits drei Generationen gemacht zu haben und ich kenne den Golf in jeder Fläche, in jeder Fuge und in jedem Detail. Ich fühle diese Verantwortung etwas zu machen, dass höchst eigenständig, aber eben sofort als Golf erkennbar ist. Die Identität somit zu schärfen, dass dieses Fahrzeug auch Menschen in der nächsten Generation erneut anspricht. Es darf nichts rückwärtsgewandt sein. Es ist die Gefahr das Enttäuschung entsteht, wenn man zu tradiert ist. Es muss zukunftsorientiert und mutig sein.

?: Kann man denn sagen, dass es schwieriger ist den neuen Golf 8 kreiert zu haben als die ID. Familie?

Bischoff: Es sind unterschiedliche Herausforderungen. Die ID. Familie ist eine völlig neue Fahrzeugarchitektur und eine ganz neue Fahrzeugfunktionalität. Es ist eine andere Herausforderung. Das macht meinen Job ja so spannend, dass ich ganz unterschiedliche Challenge habe, die ich mit meinem großartigen Team zu erfüllen habe. 

?: Welche zwei Merkmale sind für Sie bei der ID. Familie wichtig? Bei welchen Merkmalen sagen Sie: Das ist ID.?

Bischoff: ID. heißt, dass wir zu den Ursprüngen der Markenidentität zurückkommen. Volkswagen ist als Marke ohne einen Grill im Gesicht geboren worden. Der Käfer hat eine sehr sympathische und freundliche Ausstrahlung und ist sehr eigenständig. Das ist der ID. auch. Er hat auch keinerlei Aggression, er ist extrem freundlich, sehr puristisch, sehr klar und sehr einfach obwohl er als technisches Produkt wahnsinnig komplex ist. Es ist die hohe Kunst etwas das sehr komplex ist, einfach zu gestalten. Einige der Kernelemente der ID. Familie sind Freundlichkeit, Sympathie und Purismus. Das ist tief in der Marke verankert und bezieht sich im Prinzip auf ihren Beginn. Auch der ID. hat genau wie der Käfer einen Heckmotor. Beide sind natürlich formal und konzeptionell völlig unterschiedlich, also keiner würde sagen es ist eine Reinkarnation des Käfers. Aber es passt einfach wahnsinnig gut zur Marke – und E-Mobilität braucht halt keinen Kühler. Der ist vollkommen überflüssig.

?: Also ein ähnlicher Anfang wie bei Volkswagen damals der Käfer ist es heute in der Neuzeit die ID. Familie?

Bischoff: Ja genau.

Fotos: Friso Gentsch/Volkswagen