Porsche 365: Der Weg führte durch die Schweiz nach Zuffenhausen

Die Schweiz spielt eine große Rolle bei den Porsche-Anfängen: Der 356 „Nr. 1“ Roadster debütierte in der Hauptstadt der Eidgenossen. Der erste Messeauftritt war in Genf, der erste Besitzer war ein Züricher. Grund genug, zum 70. Jubiläum des Sportwagens die Story zu erzählen:

Eine Nummer 1 darf sich auch mal verschlucken. Vor allem, wenn draußen drückende 31 Grad herrschen. Und die Ampeln in der Schweizer Hauptstadt Bern kommen dem allerersten Porsche, dem Mittelmotor-Roadster von 1948, auch nicht entgegen – sie lassen pro Grünphase vielleicht gerade einmal drei Autos durch. Wenn dann noch die Steigungen ins Berner Oberland anstehen, können sich im Benzinsystem schon mal Blasen bilden und zur Pause zwingen. Das Gute daran: Es verlängert die Zeit mit diesem einzigartigen Relikt der größten deutschen Sportwagenmarke.

Porsche, seit 1958 wieder im Besitz der Nummer 1, hat den Wagen nach langer Standzeit fahrfähig gemacht. Grund genug, ihn wieder auf dem Asphalt seiner Frühzeit rollen zulassen – und der befindet sich in der Schweiz. Sein Mittelmotor schnurrt im Rücken der Insassen und heizt gleichzeitig mächtig auf. Das  Vierganggetriebe lässt sich trotz Zwischengas und Doppeltritt auf die Kupplung nur leicht krachend einlegen, und die Tachonadel tanzt ihren eigenen Takt.

Technisch ist nicht viel dran am weltersten Porsche. Über einem Gitterrohrrahmen wurde eine Alu-Karosserie gedengelt – Achsen, Lenkung, Räder und Bremsen stammen vom VW Käfer. Ebenso der 1.1-Liter-Motor, doch der wurde einst von Porsche dank neu konstruierter Zylinderköpfe um zehn PS gestärkt, was immerhin 35 PS bedeutete. Die mussten nur 585 Kilo Wagengewicht bewegen, was eine Höchstgeschwindigkeit von immerhin 135 km/h ermöglichte. Der Motor trägt noch heute die Originalnummer.

Die Nummer 1 nicht sofort von jedem erkannt wird. Hintergrund: Der kam tatsächlich als „Typ 356 VW Sportwagen“ zur Welt, kurz „VW Sport“. Schon im Sommer 1947 entstand die Idee zu dem Auto. Am 5. Februar 1948 fuhr Ferry Porsche zum ersten Mal im neuen Chassis. Und zwar im österreichischem Gmünd, denn 1944 bekam die Firma Porsche den Befehl, Deutschland zu verlassen. Ferdinand Porsche besann sich auf seine österreichischen Wurzeln und war dorthin ausgewichen. Im Zusammenhang mit der Karosserie der Nummer 1 taucht dann auch zum ersten Mal die Schweiz auf: Im Nachkriegsösterreich war kein Leichtmetall zu bekommen, bei den Eidgenossen dagegen schon. Porsche musste für die Einkaufserlaubnis der Regierung in Wien versprechen, die daraus gebauten Wagen im Ausland abzusetzen – Österreich brauchte Devisen.

Bis das Auto standfest und fertig war, vergingen aber noch einige Monate. Tatsächlich begann Porsche noch während der Fertigstellung von Nr. 1 mit dem Bau der 356-Serienmodelle – die allerdings den Heckmotor trugen und keinen Mittelmotor. Porsche vergab trotzdem keine neue Entwicklungsnummer. Vermutlich deshalb, weil er gleichzeitig mit anderen Entwürfen beschäftigt war wie zum Beispiel dem Typ 360, dem Cisitalia-Rennwagen. Für die Präsentation des offiziell „Sport 356/1“ genannten Roadsters suchte sich Porsche wiederum die Schweiz aus, und zwar das Umfeld des bestens besuchten Grand Prix von Bern um die Rundstrecke von Bremgarten, wo sich ohnehin die Fachpresse tummelte. Hier testeten die ersten Journalisten den Wagen vor dem Rennen auf der 7,26 Kilometer langen, gefährlichen Rundstrecke.

Ständig an Geldmangel leidend, weil die in Arbeit befindlichen 356er vorfinanziert werden mussten, verkaufte Porsche die Nr. 1 letztlich – in die Schweiz. Sie erhielt als erster zugelassener Porsche am 20. Dezember das Nummernschild ZH 20640. Erster Privatbesitzer war der in Zürich wohnende deutsche Architekt Peter Kaiser – er zahlte stolze 7500 Franken. Er ersetzte die Seilzugbremsen durch eine hydraulische Vorrichtung und bastelte den Namenszug „Porsche“ um in „Pesco“ – das sollte italienisch klingen und Werbung für Porsche vermeiden. Wegen diverser Mängel am Wagen verkaufte er ihn nach rund einem Jahr an einen Autohändler. Danach ging das gute Stück alle paar Monate in neue Schweizer Hände über, bis 1952 der Sportwagenfreund Hermann Schulthess das Juwel entdeckte. Der ließ von Porsche neue Bremsen installieren sowie den Motor auf 1,5-Liter umrüsten und nahm an Schweizer Slalomveranstaltungen teil, bis ihm sechs Nonnen im Opel bei einer Alpenfahrt ins Heck fuhren. Die aufwendige Reparatur nutze er für weitere Verbesserungen wie größere Radausschnitte und runde Heckleuchten. Nach weiteren Besitzerwechseln kam Nr.1 zurück zu Porsche – Eigner Franz Blaser erhielt im Tausch einen nagelneuen 356 Speedster.

Porsche dachte übrigens damals tatsächlich auch daran, den neuen Sportwagen 356 komplett in der Schweiz zu fertigen. Denn ein Serienbau in Gmünd war hauptsächlich aus politischen Gründen nicht denkbar. Deswegen entstanden hier letztlich nur 52 Chassis. Übrigens: Der zweite Porsche, 356/2, wurde zum Karosseriebauer Beutler nach Thun im Berner Oberland geschickt, damit dieser die Möglichkeiten eines Cabrios prüfen konnte. Ernst Beutler war beeindruckt: Im Juli 1948 entstanden die ersten 1:1-Zeichungen. Nun war Porsche begeistert. Es folgte ein Auftrag über weitere fünf Exemplare.

Auch der erste Messeauftritt fand in der Schweiz statt – beim Genfer Salon 1949 glänzten in der Haupthalle auf Stand 11 erstmals ein Gmünd-Coupé (356/2-001) für 15.000 Franken und ein Beutler-Cabrio (356/2-002) für 17.000 Franken.

Die Schweizer Verbindung wurde erst lockerer, als Porsche sich Ende 1949 in Deutschland niederließ und nicht im Alpenland. Seine neu gegründete „Porsche Konstruktionen GmbH“ bezog eine 600 Quadratmeter große Halle der „Karosseriewerke Reutter & Co. GmbH“ in Stuttgart-Zuffenhausen. Reutter erhielt im Gegenzug den Auftrag zum Bau von 500 Stahlkarosserien. Ab März 1950 wurden die ersten 356er gefertigt und für 10.500 Mark (Coupé) verkauft.